Kumbh Mela: Wenn Prediger zu Teufeln werden

Kumbh Mela Sadhu

Das Kumbh Mela in Indien ist die größte menschliche Versammlung auf Erden. Auch wenn es ein religiöses Hindu-Fest ist, geht es nicht immer friedlich zu.

Das Kumbh Mela in Indien ist gewaltig

Ich könnte von vielen Erlebnissen meiner vier Tage auf dem Kumbh Mela berichten. Da wäre die erste Nacht, in welcher ich mich von einem zahnlosen Greis habe über das Gelände führen lassen – inklusive dreistündigem Verlorengehen. Der Alte war einfach zu bekifft, um den Weg zu finden und schlief stattdessen im Laufen ein. Oder der junge Asket im Schweigegelübde, mit welchem ich mich schriftlich auf Englisch mit Hilfe eines Smartphones unterhalten habe. Oder die Touri-Fotogruppe, die es auf die noblen Wilden abgesehen hatte. Die dabei aber nichts über den Ort, das Land oder das Festival wusste. 5.000 Dollar haben sie gezahlt, um sich von einem brillanten Reiseleiter mit Geschäftssinn sieben Tage durch Indien scheuchen zu lassen. 4.950 Dollar mehr als ich.

Sadhu mit Chillum auf dem Kumbh Mela
Auch wenn er seit Jahren kein Wort sagt: Dieser junge Hindu-Asket genießt das Leben

Das Kumbh Mela ist wirklich ein Abenteuer. Aber hier soll es nicht um die Bunten, Fröhlichen und Frommen gehen. Davon liest man anderswo genug. Hier geht es um Wut. Und Würde. Und Scheitern.

Relativismus in Indien

Man zeige mir eine Person, die aus Indien zurückkehrt, so wie sie gekommen ist. Unmöglich! Niemand kann sich vollständig den sekündlichen Angriffen auf westliche Konstrukte von Logik, Organisation und Gesellschaft entziehen. Wer neugierig nach Indien kommt, geht erschöpft daheim, mit mehr Fragen im Kopf als zuvor. Man muss wohl hier aufgewachsen sein, um zu verstehen, wie das Leben funktioniert. Vielleicht hilft aber selbst das nicht.

Für Ethnologen ist Relativismus eine wichtige Tugend. Gingen die Forschenden früher hinaus in die Welt, um Erkenntnisse über andere „Rassen“ zu gewinnen oder um sich selbst als zivilisatorische Macht über die traditionellen „Eingeborenen“ zu stellen, so sieht die Welt heute – Vernunft sei Dank – anders aus. Junge Studierende, Doktoranden und Doktorandinnen, Professoren und Professorinnen sind vorsichtiger geworden nach Jahrzehnten voller Schande.

Doch der Grundgedanke der Ethnologie ist gut. Bekommen wir doch in anderen Kulturen ganz deutlich den Spiegel vorgehalten, dass auch wir nicht normal sind, dass auch unsere Welt exotisch ist – und unser Leben nur eine Möglichkeit von Milliarden. Daher gilt es, mit Wertungen vorsichtig zu sein, sie eventuell sogar gänzlich zu vermeiden. Moderne Ethnologie ist deshalb auch die Kunst des Ertragens.

Kumbh Mela: Das heiligste Fest des Hinduismus

Der 04.02.2019 war ein bedeutsamer Tag. An diesem Höhepunkt des Kumbh Mela wurden allein an einem Tag Dreißig Millionen Menschen auf der Sandbank erwartet, an welcher die Flüsse Yamuna und Ganges aufeinandertreffen.

Was den Ort und Zeitpunkt so besonders macht? Einst sollen die Götter und Dämonen um einen Kelch voll Wasser gekämpft haben, welches Unsterblichkeit verleiht. Beim Kampf um das heilige Gefäß ist jedoch auch ein Tropfen verschüttet worden. Und zwar genau dort, wo der Yamuna auf den Ganges trifft.

Wenn die Sterne alle 12 Jahre in einer bestimmten Konstellation stehen, findet dort das Kumbh Mela statt. Ein Bad an der Flussmündung wäscht die Hindus frei von Sünden. Doch niemand will so lange auf die Sterne warten. Also gibt es alle sechs Jahre das „Ardh“ Kumbh Mela – das „halbe“ Fest des Krugs. Auch wenn der Titel etwas anderes suggeriert: Das Festival wird nicht nur halb gefeiert. In diesem Jahr sprengt es wieder alle Rekorde.

Viele Menschen auf dem Kumbh Mela
Die Polizei hatte den Besucherstrom tatsächlich gut im Griff

Unter den Millionen Menschen bin auch ich. „Mal gucken, was da so abgeht“ – ein einfaches Konzept und vielversprechendes, soziales Abenteuer. Spärlich bepackt bin ich mit dem Zug nach Allahabad gereist, der nächstgelegenen Stadt. Von den geistlichen Männern und Frauen vor Ort werde ich freundlich aufgenommen. Ihr Job ist einfach: Betteln, segnen und kiffen. Ich schlafe in einem Zelt mit zu vielen schnarchenden Asketen und beschäftige mich mit Spaziergängen und Rumsitzen.

Der Alltag auf dem Kumbh Mela

Eigentlich unterscheidet das Kumbh Mela nur seine Größe und der Mangel an Alkohol und Musik von einem Rockfestival in Deutschland. Man nehme Rock am Ring, ersetze dunkle Kleidung mit orangenen Tüchern, entkleide ein Paar Personen komplett und nehme ihnen das Bier weg. Keine Angst: Es gibt dafür jede Menge Gras. Ach ja, das Ganze mal vierhundert, nicht zu vergessen.

Menschen brüllen der flanierenden Menge aus ihren Stoff-Pavillons irgendetwas zu. Manchmal tritt Einer aus dem nicht-endenen Besucherstrom heran, wird gesegnet, lässt ein paar Rupien da und haut wieder ab. Spirituelle Reinheit als Discountware. Im Zelt wird viel gelacht. Besonders zwei Sadhus haben es mir angetan. Sie benehmen sich kontinuierlich daneben, rauchen eine Chillum nach der anderen, prügeln sich, machen sich lustig übereinander und verarschen die Passanten. Aber da sie Orange tragen, werden sie respektiert. Denn Sadhus sind diejenigen Hindus, die sich völlig der Religion hingeben, auf alles weltliche verzichten (außer Drogen) und als bettelnde Asketen durch das Land wandern. So sagt man es zumindest, diesen beiden hier kaufe ich es nicht ab.

Bekiffte Sadhus am Kumbh Mela
Diese zwei Sadhus hatten es faustdick hinter den Ohren.

Trotzdem verbringe ich viel Zeit mit ihnen. Die Unterkunft ist ein kleiner Verschlag aus Bambusstöcken und Plakaten. Auch im Nachbarzelt bin ich willkommen. Ein junger Sadhu mit verkümmerter Beinmuskulatur lebt hier. Seine Stimme ist knarzig, sein Ton unhöflich. Trotzdem bittet er mich gelegentlich in sein Zelt zum Tee. Vorausgesetzt ich bringe die Milch. Er liebt es, andere herumzukommandieren. Jede seiner Gesten ist herablassend, beinahe gebieterisch. Eine Form der Kompensation für seinen körperlichen Zustand? Mag sein. Vielmehr scheint er jedoch einfach ein verzogenes Drecksblag zu sein.

Sadhu auf dem Kumbh Mela
Nicht der netteste seiner Art

Das finde ich natürlich zutiefst interessant. Verbinden wir doch mit dem Hinduismus und den hiesigen Asketen immer auch den edlen Pazifismus und die gewaltlosen Gandhis dieser Welt, welche auf jede Frage ein weises Wort verbreiten zu wissen. Dieser Sadhu hier kennt nur Schimpftiraden. Verirrt sich mal ein frommer Hindu zu seinem Zelt, wird er lieblos mit einer Pfauenfeder auf den Kopf geschlagen, dann abkassiert und von dannen gejagt. Keine Lebensweisheit, kein Dank und auf keinen Fall Wärme. Ich verstehe nicht alle Worte, aber dem Tonfall nach kennt die Sprache dieses Sadhus nur Schmach und Ablehnung. Eine traurige Existenz. Immerhin kann er seinen Penis dreimal um einen vertrockneten Stock wickeln. Selbst diese Demonstration der Selbstbeherrschung ist großkotzig.

Antiklimax des Aushaltbaren

Ich war lange vor dem heiligsten Tag angereist. Auch wenn das Festival wirklich gut organisiert war – man schleust schließlich nicht ohne Weiteres Millionen von Nichtschwimmern an einem Fluss entlang – ich wollte es nicht drauf ankommen lassen. Den großen Tag, den Andrang der Menschen, die bunte, chaotische Vielfalt, das alles wollte ich erleben.

Hindu an der Sangam Ghat am Kumbh Mela 2019
Jeden Tag kommen hunderttausende Hindus zur Sangam Ghat, wo Yamuna und Ganges aufeinandertreffen.

Und das habe ich auch. Für wenige Stunden. Schon seit Wochen plagte mich ein Darminfekt. Dann noch der Lärm, die Überfüllung, die staubige Luft, der Mangel an guten sanitären Anlagen und die fehlenden informativen Gesprächen (alle waren nur bekifft) – das alles machte mir zu schaffen.

Drum war ich besonders froh, als ein alter Sadhu mich am Morgen des großen Tages weckte. Es gehe los, er nähme mich mit. Leider hat dieser Herr in den letzten Tagen ein wenig meiner Achtung verloren. Zunehmend schien er mich als seinen Schüler zu verstehen und sprach mehr Befehle als Bitten aus. Ich spielte das Spielchen eine Weile mit. Schon allein weil es mir gefiel, immer dann Widerworte zu geben, als er seinen Status in der Öffentlichkeit präsentieren wollte.

Es ging also Richtung Sangam Ghat: Dem heiligsten Ort an den heiligen Flüssen. Auf dem Weg dorthin machten wir Halt bei unserem Freund mit den verkümmerten Beinen. Ein Tässchen Tee zur Stärkung, alles gut soweit. Doch dann befahl mir der alte Sadhu, seinen Rücken mit Asche einzureiben. Vielleicht wäre das kein Problem gewesen, hätte der Mann nicht beim Entfernen seiner Hose so fürchterlich nach ungewaschenem Genital gestunken, dass es mir den Atem verschlug. Was jedoch schlimmer wirkte, war das Benehmen unseres Gastgebers.

Auf irgendeine wundersame Weise hatte dieser einen Schüler gefunden. Schüler zu sein, hat nicht immer mit Lernen zu tun. In Indien bedeutet es leider viel zu oft Gehorsam. Den Lehrer nicht in Frage zu stellen, sondern blind zu ehren. In diesem Fall war es besonders schrecklich. Denn was der arme Schüler dem Sadhu an Beinkraft voraushatte, das fehlte ihm im Kopf. Er war augenscheinlich geistig zurückgeblieben.

Nun wäre es schön, wenn ein solcher Schüler eine Chance bekäme, etwas mit der unfairen Ausgangssituation anzufangen, in welche er auf diese Welt gesetzt wurde. Sei es durch soziale Hilfe vom Staat, seiner eigenen Familie oder notfalls einer religiösen Schule, die ihn aufnimmt. Schlecht wäre es, wenn er einem menschenverachtenden Choleriker in die Hände fällt, der nur darauf wartet, seine Gewaltfantasien und Tobsucht an den wenigen Schwächeren auszulassen, welche – nur der Teufel weiß wie – zu ihm gefunden hatten. Doch genau das war geschehen. Und ich konnte nichts dagegen tun.

Es brodelte in mir. Der arme Junge benahm sich verängstigt, ungeschickt. Jede seiner Handlungen war gelähmt von der Angst, etwas falsch zu machen. Je mehr er zögerte, desto mehr setzte ihm der sadistische Sadhu zu. Drohungen und Würfe mit kleinen Gegenstanden konnte ich noch ertragen. Doch als der asoziale Asket schließlich zum Schürhaken aus dem Feuer Griff, stand ich auf. Mir blieb nicht viel Handlungsspielraum.

Das hier war nicht meine Welt. Und das hatte ich jetzt verstanden. Die Wut der letzten Tage quoll aus mir heraus. Ich beschimpfte die beiden Sadhus, sagte ihnen, dass sie keine religiösen Lehrer sind, sondern bösartig, dass ich sie verabscheute. Auf Hindi, auf Englisch, vielleicht sogar auf Deutsch. Ich fluchte auf die Hindus, auf Indien, auf dieses bescheuert zurückgebliebene System der Hierarchie und des Gehorsams. Ich riss meine Tasche an mich, verließ theatralisch das Zelt, hinaus ins vormorgendliche Gedrücke der Menge. Gewiss war es nicht fair gegenüber dem Älteren. Sicher klang es alles irre. Aber es musste raus. Ich wollte nur noch weg, konnte diese Ungerechtigkeit nicht ertragen.

Kumbh Mela Abreise
Man kann nicht einfach vom Kumbh Mela wegspazieren

Nun hatte Indien also auch noch meinen Relativismus besiegt. Ich drückte mich der Menge entgegen, die sich keiner Schuld bewusst zu sein schien. Die Sonne ging allmählich auf und läutete den Tag der bis dato größten Menschenversammlung auf der Erde ein. Nur ich schien als Einziger den Marsch in die Gegenrichtung anzutreten. Bis ich auf zwei weitere Europäer traf. Pures Glück durchfuhr mich. Geteiltes Leid, das zeigte sich hier, ist wirklich halbes Leid. Wie schön es war, Leidensgenossen zu finden, sich mit ihnen auszutauschen. Auf dem Weg – egal wohin, einfach nur fort – erzählten wir uns Geschichten von unerträglichen Situationen. Wie die letzten Jammerlappen. Doch es tut gut, auch mal wieder einen Raum für Wertungen zu schaffen. Nicht ganz so ethnologisch, dafür aber umso menschlicher.

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