Sufis in Pakistan: Ein Besuch am Schrein in Lahore

Sufis am Schrein in Lahore

Pakistan ist gemeinhin als streng muslimisches Land bekannt. Von der Weltpresse als konservativ, gar terroristisch gescholten, haben weltpolitische Ereignisse das Land nicht im besten Licht präsentiert. Und auch heute hört man regelmäßig von Anschlägen, Hasspredigern und militanten Gruppen. Doch es gibt auch so viel Schönes über das Land zu berichten. Ein Großteil der Menschen will friedlich leben und ist damit völlig im Einklang mit Gott. Auch die Sufis in Pakistan stehen den militanten Spielverderbern gegenüber: Freiheit, Spiritualität und Inklusion grenzen sie von deren Wahnsinn ab. Schließlich wollen doch alle dem gleichen Gott huldigen – nur mit kleinen Unterschieden.

Die Sufis in Lahore: Pakistan mal anders erleben

Das Thema sind kiffende Sufis, der Ort ein kleiner, unscheinbarer Schrein im pakistanischen Lahore. Bereits den dritten Donnerstag in Folge sitze ich nun auf dem Motorrad oder der klapprigen Motorrikscha und lasse mich zu dem bekannten Ritual der Sufis kutschieren.

Es ist keine Forschungsreise und hat auch keinen sehr tiefen Sinn. Trotzdem sollte es mein erster Job als Fotojournalist werden. Vielleicht auch Dokumentarfotograf oder Reisereporter, ich gebe nicht so viel auf enge Berufsbezeichnungen. Auch wenn es mich dann doch stolz gemacht hat, dass ich bei Vice.de letztlich zum ersten Mal offen „Fotojournalist“ genannt wurde. So schaffen sich Realitäten ganz von selbst. Der Titel der Story… vielleicht etwas zu ehrlich.

Natürlich interessieren die Redakteure von Vice sich sehr für den Drogenkonsum am Schrein. Tatsächlich spielen Drogen dort auch eine wichtige Rolle.

Entstanden ist die Idee jedoch aus der Langeweile heraus. Auch wenn ich meine Freunde hier in Lahore über alles schätze – spannende Dinge gibt es wenig zu erleben. Eigentlich wird immer nur gegessen. Vor drei Wochen kam mir daher der Gedanke, das Leben ein bisschen aufzupäppeln. Ich bin ja nicht das erste Mal in Pakistan. Obwohl das Land tatsächlich ziemlich islamisch-konservativ orientiert ist: Überall gibt’s Stoff.

Partys in Pakistan

Ein paar fiese Abstürze hatte ich gewiss schon von Murrey’s Wodka oder Rum. Und auch vom geschmuggelten Absinth. Aber sich immer zum Saufen vor der Öffentlichkeit zu verstecken ist auch blöd. Trinken im Heimlichen macht vielleicht noch mit vierzehn Spaß, als Erwachsener ist es traurig.

Murrees Wodka in Pakistan
Pakistan hat sogar eine Brauerei, die Bier, Wodka, Rum und Whisky herstellt

Clubs, Bars und Diskotheken gibt es selbstverständlich nicht. Pakistan ist das Gegenteil von ausgelassen. Nur an Hochzeiten wird gerne wild getanzt. Aber als Europäer auf einer pakistanischen Hochzeit wird man zum Fotos-Schießen verdammt, immerzu auf die Tanzfläche gezerrt, mit Essen vollgestopft – ob man will oder nicht.

Ähnlich verkrampft ausgelassen geht es auf privaten Partys der Ultrareichen des Landes zu. Dort fühle ich mich wiederum wie bei American Pie: Die allzeit betonte Coolness, Gelassenheit und Sorglosigkeit sind aufgesetzt, protzig, gekauft. Kein Zeugnis des natürlichen Genusses des Lebens, sondern eine Demonstration des unverschämt hohen Status. Eine inszenierte Show, wer der coolste Rebell ist. Meist der, mit den reichsten Eltern. Auch wie mit vierzehn.

Wie schön wäre es also, wenn man sich mal wieder in der Öffentlichkeit gehen lassen könnte – ganz ohne dass es etwas Großes ist. Doch auch für Rausch & Action gibt es hier einen Platz, man muss ihn nur finden.

Ein Sufi Schrein in Pakistan

Auch wenn jeder Local ihn kennt, aus Sicherheitsgründen sei hier einmal Name und Ort des Sufischreins geheim gehalten. Denn die Sufis hatten es in den vergangenen Jahren nicht leicht. Jeden Donnerstag versammeln sie sich und huldigen Allah auf ihre eigene Weise. Wild, laut – und oft zugedröhnt.

Die erste Zeremonie habe ich vor vielen Jahren bei meinem ersten Besuch im Land erlebt. Am Schrein des Schah Jamaal, einem Sufi Heiligen aus dem 16 Jahrhundert. Doch im Jahre 2019 bleibt der Schrein nur von ein paar kiffenden Alten besucht. Keine Dhol-Trommeln, keine wilden Tänze. Zu groß ist die Angst der Regierung vor einem neuen Anschlag der Spaßlosen. Der letzte hatte im Süden des Landes um die fünfzig Opfer gefordert. Allesamt gottestreue Muslime.

Die Alten wiesen mir und meinen Freunden den Weg zum neuen Schauplatz der Tänze der Derwische. Kleiner ist er, nicht so gut besucht wie Schah Jamaals Schrein. Aber die Energie kommt an. Besonders beim dritten Besuch packt es auch mich.

Alte und junge Menschen kommen zum Schrein und huldigen gemeinsam Allah

Wie spirituell ist der pakistanische Sufi Schrein?

Handelt es sich bei dem Ritual also um einen Gottesdienst? Oder dient es vielmehr den Teilnehmern als Ausgleich zum konservativen, dreckigen Alltag der Großstadt. Aus Erfahrung glaube ich selten daran, dass Menschen immer die reine Wahrheit erzählen. Ihre Worte spiegeln höchstens eingeredete Realitäten wieder. Aber die eigentliche Motivation, die Quelle aller Energie, liegt tiefer als das gesprochene Wort. Genauso wie die Werte und der wahre Charakter eines Menschen. Daher schaue ich schaue lieber zu und ziehe Schlüsse.

Wenn mir zum Beispiel jemand sagt, er feiere Karneval als Vorbereitung auf die Fastenzeit, dann werde ich doch sehr misstrauisch. Braucht es überhaupt eine tiefere Erklärung als das verbundene Feiern mit Mitmenschen? Als das gemeinsame Bekenntnis der Zugehörigkeit? Denn wenn man zusammen Spaß haben, ja das Leben genießen kann, verbindet das. Am Barbarossa Platz in Köln, sowie am Sufi-Schrein in Lahore. Am zweiten geht es jedoch friedlicher zu.

Vielleicht liegt das am fehlenden Alkohol. Auch wenn gelegentlich einer der Besucher ein wenig nach Selbstgebranntem riecht. Doch hauptsächlich wird hier gekifft. Während alle auf die wilden Trommler mit den langen Haaren warten, steigen aus den kleinen Grüppchen am Boden immer wieder verdächtige Schwaden in die süßlich riechende Luft auf.

Auch hier werde ich eingeladen mitzumachen. Allerdings nicht so aufgesetzt wie bei den Partys der Reichen oder auf den Hochzeiten. Die Einladung dient nicht dem eigenen Status. Wer von den Anwesenden erhofft sich schon noch Status? Rikschafahrer, Vagabunden, Zwergwüchsige oder andere Unterprivilegierte wagen sich manche Träume nicht einmal zu träumen. Kapitalismus, Vetternwirtschaft und Korruption schränken die Aufstiegschancen auch in Pakistan ein. Da hilft auch kein Joint mit einem Weißen. Das Angebot ist daher einfach nur freundlich zu verstehen. Ganz normale pakistanische Gastfreundschaft. Und die ist allgemeinhin eine der größten Tugenden des Landes. Keine fünf Minuten kann ich mich den Angeboten widersetzen, da steckt schon die Chillum in meiner Hand. Nur ein kleiner Zug, ich will ja Fotos schießen.

Sufis am Schrein in Lahore
Tanzende Derwische am Sufi Schrein in Lahore

Der beste Abend seit langer Zeit

Am Ende des Abends fließt das pure Glück durch meinen Körper. Es mag an den Dämpfen des „Paka“ liegen, sicher jedoch an viel mehr. Selbst mein Gastgeber, der keinen Joint, keine Chillum, nicht einmal eine Zigarette berührt hat, wird später dämlich grinsend nach Hause laufen. Zum ersten Mal bekifft, völlig breit allein vom passiven Konsum und der Atmosphäre am Schrein.

Denn die ist grandios und nur schwer in Worte zu fassen. Ein paar Wanderderwische mehr als sonst sind heute gekommen, drehen sich wie Wahnsinnige, stampfen auf und preisen ihren Gott. Etwas Besonderes hängt in der Luft. Eine Energie, die ich in Pakistan – auch hier am Sufi Schrein – nie zuvor gespürt habe. Selbst den Trommlern, welche seit Jahrzehnten jeden Donnerstag hier spielen, ist die Begeisterung anzusehen.

Innerhalb von Minuten verwandelt sich der Platz vor dem Schrein in ein tanzendes Farbenmeer, Zuschauer singen uralte mystische Verse, Trommler spielen sich die Finger wund. Und mittendrin die Derwische, sich immer schneller drehend, das ölige Haar durch die Luft wirbelnd. Zentimeter vor mir. Keine Barrikaden, keine Tribüne trennt die Masse von den Malang, den Gottes-Verrückten. Die Zuschauer sind ebenfalls Teil dieses Spektakels, werden allesamt mitgenommen. Und alles verschmilzt zu einer einzigen Performance, kein Akteur wirkt wichtiger als der andere. Ob mit offenem Mund starrend, wild tanzend oder laut rufend: Jeder steuert einen kleinen Teil bei, alle machen mit, alle sind eins. Ein Abend, der jedes Gottes würdig gewesen wäre.

Fotos vom Sufi Schrein in Pakistan

Hier gibt’s eine kleine Galerie von ausgewählten Bildern des Rituals am Sufi Schrein in Lahore:

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