Holi in Indien feiern: Spirituelles Erlebnis oder wildes Fest?

Holi in Indien auf der Straße

Holi in Indien ist ein weltweit bekanntes Fest und wird mittlerweile überall kopiert. Am 9. März 2020 wird das jährliche Festival wieder für zwei Tage gefeiert. Aber wie sieht das ganz normale indische Holi überhaupt aus? Und was steckt dahinter? Bei meinem Aufenthalt im ost-indischen Barrackpore konnte ich einige skurrile Erfahrungen sammeln.

Holi – ein Festival Indiens?

Ein bisschen komisch ist es schon. Wenn man einmal „Holi“ in die gängigen Suchmaschinen eingibt, erscheinen wenig spirituelle Informationen. Holi Festivals gibt es mittlerweile in jeder größeren Stadt. Vorwiegend zu Techno Musik beschmeißen sich junge Leute mit Farbpulver und feiern ausgelassen das Leben. Zum Frühlingsanfang kann es daher gelegentlich vorkommen, dass einem im Zug völlig bunte, besoffene Menschen begegnen.

Handelt es sich dabei um kulturelle Aneignung? Darf man das gut heißen? Ist Holi nicht in Indien ein wichtiges, spirituelles Ereignis? Das soll jeder und jede für sich selbst entscheiden. Vielleicht muss man Spiritualität auch nicht immer mit ernsthafter Tiefe assoziieren. Denn auch in Indien geht es an Holi eher ausgelassen zu. Hier eine Geschichte aus der kleinen Vorstadt Barrackpore, West Bengal.

Farben Gesicht Holi
Jeder kennt mittlerweile Holi, das bunte Farbenfest.

Holi in Indien fängt ganz unschuldig an

Kaum trete ich vor die Tür, finde ich mich von einer Schar schüchterner Mädchen umzingelt. Gleich vier von ihnen. Schwestern, Nachbarinnen, Freundinnen – was weiß ich. Hier sind alle irgendwie verwandt oder sprechen sich dementsprechend an. Die Mädels giggeln ein wenig. Schüchtern, das mögen sein, aber dennoch bestimmt. Ihr fester Entschluss ist, mich nicht gehen zu lassen, ohne dass jede von ihnen mir mit ihrer Lieblingsfarbe das Gesicht dekoriert.

Holi Fest Farben Indien
Morgens geht es eher vorsichtig und sparsam mit der Bemalung zu.

Dann habe ich es wenigstens hinter mir. Es gibt schließlich wesentlich rabiatere Methoden zur festlichen Kolorierung des Gesichts als die zarten Hände einer 14-Jährigen. So ist die Prozedur erledigt und die Menschen auf der Straße drehen nicht völlig durch, dass sie endlich „Madam“ und „Sir“ bepudern können. „Sir“ bin ich, ich unterrichte ein wenig Englisch in einem sozialen Projekt meines Freundes Vimal. „Madam“, das ist Marleen. Eine gute Freundin, die mich gerne besuchen wollte und nun mit mir Holi feiern wird. Das alles in einem kleinen Vorort im indischen West-Bengal.

Barrackpore, der Name verrät es schon, ist eine kleine Vorstadt, die ehemals dem Militär gehörte. Es sieht ordentlich aus, auch wenn es vielen Häusern an eigenen Wasseranschlüssen und Toiletten mangelt. Manche Familien wohnen zu acht auf zehn Quadratmetern. Dennoch fühle ich mich hier wohl. Kaum ein Mensch beschwert sich hier. Die Bewohner dieses Teils von Barrackpore sind freundlich und strahlen eine Gelassenheit aus, die ihresgleichen sucht. Trotz gelegentlicher Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Gangs und deren politischen Anführern. Eine Vorstadt zum Spazieren. Palmen und große Farne wuchern über vereinzelte alte Ruinen und kaum ein Haus besitzt mehrere Stockwerke. Doch an Holi wacht auch dieses kleine Nest auf.

Barrackpore in West-Bengal. Nachmittags bleiben die Läden geschlossen. Es ist zu warm zum arbeiten.

Die Bedeutung von Holi in Indien

Was ich über Holi weiß? Nicht viel. Gestern wurde auf einem kleinen Scheiterhaufen ein wenig gezündelt. Mitsamt Autoreifen und was man noch so alles loswerden will. Keine Menschen, zum Glück. Denn hinduistische Mythen erzählen, dass einst die Dämonin Holika den Sohn eines Königs verbrennen wollte.

Nicht, dass der König etwas dagegen gehabt hätte. Der Junge war ihm ein Dorn im Auge. Nur göttliche Flausen im Kopf. Dabei wollte der König doch nur eins: Von allen verehrt und gelobpreist werden. Dass aber sein eigener Sohn, ausgerechnet der, lieber dem Gott Vishnu huldigte, das passte dem König dann doch nicht in den Kram. Fort mit dem Jung, am Besten in die Flammen. Kleine Zusatzinformation: Der König war ein Dämonen-König. Da kommen so drastische Maßnahmen häufiger vor.

Holika, ihrerseits hinterlistige Schwester des Königs, strotzte nur so vor Königstreue. Zusammen mit dem jungen Prinzen wollte sie sich in ein eigens dafür gelegtes Feuer stürzen. Denn die Dämonin hat eine Superkraft: Sie ist gegen Feuer immun. Was sie jedoch nicht weiß: Der Segen gilt nur, wenn sie sich allein in die Flammen stürzt. Warum auch immer man das tun sollte.

Das Ende vom Lied ist also, dass der Junge Prinz von Gott Vishnu vor den Flammen gerettet wurde und Holika jämmerlich verbrannt ist. Wer Anderen ein Feuer legt, verbrennt selbst darin.

Holi ist in Indien also ein Festival des Triumphes von Gut über Böse. Gut sind die gottestreuen, friedfertigen. Böse die Zündler und Verräter. Grund genug, sich jährlich mit Farbe zu beschmeißen und das Leben zu feiern.

Darf’s auch etwas mehr sein?

Relativ schnell wäre auch ich als Dämon durchgegangen.

Doch nicht nur Holika, auch „Sir“ und „Madam“ haben sich über den Lauf der Ereignisse getäuscht. Ein bisschen Pulver im Gesicht hilft nicht gegen gutgemeinte Puderattacken. Naiv war es ohnehin. Wer glaubt ernsthaft, dass wir uns mit pink-gelb-blau-grün-rot-oranger Camouflage tarnen können. Ich mit zwanzig Zentimeter Körpergröße über dem lokalen Durchschnitt und „Madam“ mit flammrotem Haar und ein wenig mehr auf den Hüften. Nach gefühlten einhundert Begegnungen mit wildfremden Menschen, vorwiegend Männer mit Schwielen an den Händen, wünscht sich meine Haut eine Generalüberholung. Doch das einzige Peeling hier, ist der bunte Glitter, der zusätzlich in buntes Wasser gemischt wird, um jeglichen Hinweis auf die Hautfarbe zu verbergen.

Wir sind zum Essen in einem Haus geladen, welches noch nicht fertig gebaut ist. Vielleicht wird es auch nie fertig sein. Als wir die nahegelegene Nachbarschaft betreten, spritzt uns dunkelblaue Wassermatsche entgegen. Wie die Plörre aus den Malkästen des Kunstunterrichts in der Grundschule, enthält es alle erhältlichen Farben in einem.

Seit Tagen sind überall auf den Straßen kleine Stände aufgetaucht, an denen Kinder und Erwachsene ihr persönliches Arsenal an Farben aufrüsten und sich mit den neusten Spritzpistolen, bunten Masken, und Sonnenbrillen ausstatten konnten. Mögen die Farben für sich auch noch so schön sein. Kombiniert kommt irgendwann immer Plörre raus. Weniger ist eben doch manchmal mehr. Besonders unansehnlich ist die Plörre im Gesicht und auf dem Shirt.

Holi Farbe Gesicht
Mein Freund Vimal hat nur Pulver abbekommen.

Doch genau da gehört sie hin. Zumindest nach Meinung des halbstarken Spezialtrupps, der dieses Viertel kontrolliert. Meine Gesichtsfarbe wechselt von bunt auf schwarz-blau, die Kleider triefen. Trotzdem werden wir in dem Neubau freundlich empfangen und vollgestopft. Allerdings an einem Plastiktisch in einem kahlen Raum. Praktisch, so können auch an Holi Gäste empfangen werden.

In diesem Viertel haben die Kids das sagen!

Holi ist auch nur ein Festival

Früher Nachmittag. Ein Essen und fünfhundert Pulver- und Wasserattacken später finde ich mich in einer bunten Menge wieder. Indische Elektromusik dröhnt aus knarzenden Lautsprechern und immer wieder regnen bunte Regenschauer auf uns hinab. Meine Kamera hält nur dank einer Plastiktüte. Viele der Bilder werden sich hinterher trotzdem als unbrauchbar rausstellen. Das liegt am Bhang.

Bhang, wortwörtlich aus dem Sanskrit „Abfall“, ist eine Form von Cannabis. Nicht das, was man beim lokalen Dealer in jeder Großstadt bekommt, sondern etwas seichteres Zeug. In einigen indischen Staaten ist es legal, besonders an hinduistischen Festen wird es generell toleriert. So auch hier. Die Mutter der Familie, vor dessen Tür wir tanzen, hat ein leckeres Milchshake aufgesetzt. Zusätzlich gibt es frittiertes Gemüse. Die Fette sind mit dem THC des Bhangs durchzogen und entfalten ihre Wirkung. Alle naschen und trinken fleißig. Als ich sehe, wie ein siebenjähriger nach dem frittierten Blumenkohl greift, bin ich erst erstaunt. Danach bin ich über mein Erstaunen erstaunt. Hatte ich mit etwas Anderem gerechnet?

Holi Indien Familie
An Holi feiern alle zusammen. Jung und alt.

Die Straßenparty heizt weiter auf. Wortwörtlich, denn die Sonne steht hoch über uns. Normalerweise gibt es zu dieser Uhrzeit drei Stunden Siesta in West-Bengal. Nicht heute. Holi kennt keine Pause. Überall schüttelnde Leiber, mehr und mehr Frittiertes. Ein Boobie-Shake-Duell zwischen Madam und einer Indischen Mutti. Zerrende Hände und Eimerladungen dunklen Wassers in meinem Nacken. Es wird getanzt, gelacht und gefeiert. Dass indischer Elektro grausam ist – sei es drum. Dass Kinder von den Cannabis-Snacks und Shakes naschen – geschenkt. Aber irgendwann ist bei über 30°C auch Schluss. Die Straßen sind in tiefes Dunkelblau gehüllt, es wird Wochen dauern, bis all die Farbe von den Häusern gespült ist. Und Stunden eifrigen Schrubbens, bis meine Haut wieder erkennbar ist.

Madam und ich machen uns auf den Weg zurück. Wir sind erschöpft, die Sinne benebelt. Von so einem ruhigen Morgen zur wilden Party auf der Straße. Wer waren diese Leute eigentlich? Wir lachen. Auf dem Weg nach Hause begegnen uns nur noch nervige Besoffene. Alle wollen etwas von uns, alle labern Müll. Zwei Männer streiten sich auf der Straße. Es wird gezerrt und geschimpft. Ich fühle mich wie zu Hause.

Da hilft nur stundenlanges Waschen.

Vorsicht beim Nachahmen

Barrackpore ist eine Vorstadt und die Menschen dort kannten mich und Marleen. Besonders für Frauen kann Holi in Indien aber auch zu einem besonders unangenehmen Erlebnis werden. Dort, wo Menschen annonym auftreten können, sollte vor Grapschern gewarnt sein. Am besten funktioniert Holi, wenn man sich mit Bekannten und Freunden an ausgewählten Plätzen aufhält. Auch private Feiern bieten sich gut an. Die Locals wissen hier am besten Bescheid.

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